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Vom Bauern und seinem Sohn (Spanien)

Ein Vater wollte mit seinem Sohn auf den Markt gehen.
Sie nahmen den Esel mit, um später die Ware aufzuladen, und führten ihn am Strick. Unterwegs kam ihnen ein Wanderer entgegen, der im Vorbeigehen sagte: «Ihr seid komische Leute, habt einen Esel, aber keiner reitet auf ihm.» Daraufhin meinte der Sohn zum Vater: «Der Wanderer hat recht, steig du auf den Esel.» So gingen sie weiter, der Vater auf dem Esel, der Sohn zu Fuss.

 

Da begegneten ihnen einige Frauen, die sagten zum Vater: «Schämst du dich nicht? Du reitest auf dem Esel, während dein Sohn zu Fuss gehen muss.» Der Vater stieg vom Esel, hob den Sohn hinauf, und so gingen sie weiter. 

 

Nicht lange daraufbegegneten ihnen einige ältere Männer, die riefen: »Seht euch das an! Der Junge mit den starken Beinen reitet auf dem Esel, während der alte Vater zu Fuss gehen muss.» 

 

«Vater», sagte da der Sohn, «komm, steig auch auf den Esel, wir haben beide Platz.» 

 

So stieg der Vater ebenfalls auf den Esel, und gemeinsam ritten sie Richtung Marktplatz. Aber als sie dort ankamen, sagten die Leute: «Schaut euch den armen Esel an, er bricht ja fast zusammen, weil er Vater und Sohn gleichzeitig tragen muss!» 

 

Die beiden stiegen vom Esel, und der Vater sagte zu seinem Sohn: «Eines haben wir jetzt beide gelernt: Man kann es nie allen recht machen. Jeder muss für sich herausfinden, was das Richtige ist.» Der Junge nickte, und dann lachten sie beide. 

 

Aus: D. J. Manuel, Der Graf Lucanor, Leipzig 1961, unter dem Titel «Vom Bauern und seinem Sohn».


Für den April wähle ich gerne eine Geschichte, die mich zum Schmunzeln bringt. Und das tut diese auf jeden Fall.
Aber nach dem Schmunzeln denke ich nach. Diese sehr kurze Geschichte birgt nämlich noch so viel mehr, wenn wir etwas tiefer schauen.
Wahrscheinlich kennen wir alle das Gefühl, es "recht machen" zu wollen, aber ständig zu scheitern. Und wie wahr, dass man einfach nach bestem Wissen und Gewissen für sich selbst handeln sollte. Niemand kennt je den ganzen Hintergrund einer anderen Person, weiss was bei jemand anderem gerade abgeht. Und so sollten wir auch nicht urteilen.
So weit müssen wir mit Kindern natürlich nicht gehen, wenn wir die Geschichte besprechen.

 

Diese Geschichte eignet sich dazu:

- darüber zu sprechen, wann es einem auch schon so ergangen ist

 

- die Geschichte nachzuspielen, jede Person spielt einmal jede Rolle

 

- ev. eigene Geschichten zu erfinden mit dem gleichen Thema von "es anderen recht machen wollen"

 

- Esel besuchen zu gehen und ev. zu füttern

 

- sich als Esel zu verkleiden und einen Parcours zu überwinden

 

 

 

MärchenKoffer Nicole Krähenmann  | 8635 Dürnten ZH | brief@maerchenkoffer.ch