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Der Zaubergarten (Kasachstan)

Es waren einmal zwei Freunde, Assan und Chassen, und sie waren sehr arm. Assan bestellte ein kleines Stück Land, Chassen weidete eine kleine Herde Schafe. Davon lebten sie. Beiden war die Frau verstorben. Assan hatte eine schöne und liebenswerte Tochter, sie war seine einzige Freude. Chassen hatte einen kräftigen, gehorsamen Sohn, er war seine ganze Hoffhung. Als der Frühling kam und Assan auf sein Feld gehen wollte, suchte Chassen ein Unglück heim. Die Steppe fing Feuer, und alle seine Schafe verbrannten. Hoffnungslos und auf den Sohn gestützt kam Chassen zum Freund und sagte: «Assan, ich bin gekommen, um von dir Abschied zu nehmen. Meine Herde ist verbrannt, nun bin ich dem Tod ausgeliefert.» 

 

Als Assan die Worte des alten Hirten hörte, drückte er ihn an sich und sprach: «Mein Freund, dir gehört die Hälfte meines Herzens, nimm also auch die Hälfte meines Feldes. Weine nicht, greif zur Hacke und gehe fröhlich an die Arbeit.» 

Von nun an bestellte auch Chassen den Acker. 

 

Viel Zeit ging ins Land. Eines Tages hörte Chassen, als er sein Feld umgrub, ein seltsames Geräusch. Hastig scharrte er die Erde auf und erblickte einen alten Kessel, bis zum Rand mit Goldmünzen gefüllt. Freudestrahlend lief er zum Freund. «Freu dich, Assan, freu dich», rief er schon von Weitem, «bei dir ist das Glück eingekehrt! Ich habe auf deinem Feld einen Kessel voller Gold ausgegraben. Jetzt wirst du nie mehr Not leiden!» 

 

Assan trat mit einem freundlichen Lächeln auf ihn zu und entgegnete: «Chassen, ich kenne deinen Grossmut, aber das Gold gehört dir. Du hast den Schatz auf deinem eigenen Stück Acker gefunden.» 

«Assan, ich kenne deine Hochherzigkeit», antwortete Chassen, «doch als du mir den Acker schenktest, hast du mir nicht das geschenkt, was er in sich birgt.» 

«Lieber Freund, aller Reichtum des Bodens gehört dem, der ihn mit seinem Schweiss tränkt», sprach Assan. 

 

Lange währte der Streit, und jeder weigerte sich entschieden, den Schatz zu nehmen. Schliesslich sagte Assan: «Begraben wir den Zwist, Chassen. Du hast einen Bräutigam, deinen Sohn, ich habe eine Braut, meine Tochter. Seit Langem lieben sie sich. Verheiraten wir sie und geben wir ihnen das Gold. Mögen unsere Kinder die Armut vergessen.» 

 

Als die Freunde den Kindern ihren Entschluss kundtaten, wären die fast vor Glück gestorben. Sogleich wurde eine fröhliche Hochzeit gefeiert. Das Fest endete erst spät in der Nacht. Doch schon im Morgengrauen des nächsten Tages fand sich das junge Paar wieder bei den Vätern ein. Sie schauten besorgt drein und hielten den Kessel mit Gold in den Händen. «Was ist geschehen, liebe Kinder?», fragten Assan und Chassen aufgeregt. «Welch ein Unglück hat euch so früh geweckt?» 

 

«Wir wollen euch sagen, dass die Kinder das, was ihre Eltern verschmähen, nicht besitzen dürfen. Wozu brauchen wir das Gold? Unsere Liebe ist wertvoller als alle Schätze der Welt.» 

Und sie stellten den Kessel in die Mitte der Erdhütte. 

 

Nun entbrannte abermals der Streit darüber, was mit dem Schatz zu tun sei, und er dauerte so lange, bis alle vier auf den Gedanken kamen, bei einem Weisen Rat zu holen, der sich im Volk seiner Redlichkeit und Gerechtigkeit rühmte. Viele Tage wanderten sie durch die Steppe und gelangten endlich zur schwarzen, ärmlichen Jurte des Weisen. Die Wanderer baten um Einlass und betraten mit einer Verbeugung die Jurte. Der Weise sass auf einer alten Filzmatte. Vier Schüler neben ihm. Zwei zu jeder Seite. «Welch ein Kummer führt euch zu mir, gute Leute.», fragte der Weise die Eintretenden. Diese erzählten ihm von ihrem Streit.

 

Nachdem der Weise sie angehört hatte, schwieg er lange, dann fragte er seinen ältesten Schüler: «Wie würdest du an meiner Stelle den

Streit dieser Leute schlichten?» Der älteste Schüler antwortete: «Ich würde ihnen raten, dem Khan das Gold, bringen, denn er ist der Herrscher über alle Schätze der Erde.»

 

Der Weise krauste finster die Brauen und fragte den zweiten Schüler: «Und wie wie würdest du an meiner Stelle entscheiden?»

Der zweite Schüler gab zur Antwort: «Ich würde das Gold an mich nehmen, denn das, worauf der Kläger und der Beklagte verzichten, gehört rechtmässig dem Richter.» 

 

Da verfinsterte sich der Weise noch mehr, stellte dennoch dem dritten Schüler besonnen die Frage: «Sage uns, welchen Ausweg würdest du aus dieser schwierigen Lage finden?» Der dritte Schüler sagte: «Da dieses Gold niemandem gehört und alle darauf verzichten, würde ich heissen, es wieder in der Erde zu vergraben.»

 

Nun wurde der Weise noch düsterer um fragte den vierten und jüngsten Schüler. «Und was meinst du, mein Junge?» 

«Mein Lehrer, zürnen Sie mir nicht, vergeben Sie mir meine Einfalt, aber mein Herz hat so entschieden: Ich würde für dieses Gold in der öden Steppe einen grossen schattigen Garten pflanzen, damit sich alle müden Armen darin ausruhen und an seinen Früchten laben können», antwortete der jüngste Schüler. 

 

Bei diesen Worten erhob sich der Weise und umarmte den jungen Mann mit Tränen in den Augen. «Es stimmt schon, wenn man sagt, ehre den Jungen wie den Alten, wenn er klug ist», sprach er. «Dein Urteil ist gerecht, mein Junge! Nimm das Gold, begib dich in die Hauptstadt des Khanreiches, kaufe dort den besten Samen, kehre zurück und pflanze den Garten. Mögen die Armen für ewig deiner und dieser grossherzigen Leute gedenken, die sich nicht von dem grossen Reichtum verlocken liessen.»

 

Der junge Mann füllte das Gold in einen Ledersack und machte sich auf den Weg. 

 

Lange wanderte er durch die Steppe, bis er endlich wohlbehalten die Hauptstadt des Khans erreichte. Dort ging er zum Basar, wo er nach den Samenverkäufern Ausschau hielt. Er besah sich die exotischen Dinge und bunten Stoffe, als er plötzlich Schellengeläut und laute Schreie vernahm. Der junge Mann drehte sich um: Es war eine Karawane, die langsam näherkam. Sie hatte seltsame Fracht: Statt der Warenballen waren tausende lebendige Vögel, wie sie nur in den Bergen und Wäldern, in der Steppe und Wüste nisten, an die Kamele angebunden. Ihre Beine waren zusammengeschnürt, ermattet schlugen ihre zerzausten und zerschundenen Flügel, so dass bunte Federwolken in der Luft wirbelten. Bei jeder Bewegung, die die Karawane machte, schlugen die Vögel mit ihren Köpfen an die Flanken der Kamele, und ihren Schnäbeln entrangen sich Klageschreie. 

 

Das Herz des jungen Mannes krampfte sich vor Mitleid zusammen. Er drängte sich durch die neugierige Menge, trat an den Karawanenführer heran, verbeugte sich ehrerbietig und fragte: «Herr, wer hat diese herrlichen Vögel zu diesen furchtbaren Qualen verdammt, und wohin führt euer Weg?» 

 

Der Karawanenführer antwortete: «Unser Weg führt uns zum Palast des Khans. Diese Vögel sind für das Mahl des Herrschers bestimmt. Er zahlt uns fünfhundert Goldmünzen dafür.»

«Lässt du die Vögel frei, wenn ich dir zweimal mehr Gold biete?», fragte der junge Mann. 

Der Karawanenführer musterte ihn nur spöttisch und setzte seinen Weg fort. Da schnallte er den Sack ab und öffnete ihn vor dem Karawanenführer. Der blieb erstaunt stehen, als er den Schatz sah, und befahl den Treibern, die Vögel loszubinden.

 

Die freigelassenen Vögel erhoben sich wie eine Sturmwolke in die Lüfte. Es waren so viele, dass der Tag für Augenblicke zur Nacht wurde. Lange schaute der Junge den forteilenden Vögeln nach, und als sie seinen Augen entschwunden waren, begab er sich mit dem leeren Ledersack auf den Rückweg. Sein Herz war voller Freude, sein Schritt war leicht und er sang ein fröhliches Lied. Doch je näher er dem Heimatort kam, desto düsterer wurden seine Gedanken, desto heftiger brannte die Reue in ihm. «Wer gab mir das Recht, nach eigenem Gutdünken über fremden Reichtum zu entscheiden? Wollte ich nicht selbst einen Garten für die Armen pflanzen? Was werde ich dem Lehrer und jenen treuherzigen Menschen sagen, die mich mit Samen zurückerwarten?»

 

Seine Verzweiflung wuchs, bis er sich schliesslich zu Boden warf, weinte und den Tod herbeiwünschte. Vor Kummer und Tränen war er so ermattet, dass er einschlief. Da hatte er einen Traum: Ein schöner bunter Vogel kam geflogen, setzte sich auf seine Brust und sang mit heller Stimme: «Lieber Junge! Verliere nicht den Mut! Was du getan hast, war gut! Die Vögel die nun frei sind, werden es dir danken! Wach nur auf!»

 

Er öffnete seine Augen und war starr vor Staunen: Überall sah er unzählige Vögel aus aller Herren Länder. Sie scharrten im Boden und liessen aus den Schnäbeln Samen hineinfallen. Mit den Flügeln strichen sie die Erde wieder zu. Als der junge Mann sich regte, da flatterten die Vögel wieder mit einem Mala wie ein Sturmwind auf, und wieder wurde es dunkel über ihm.

 

Es dauerte nicht lange, da sprossen überall zarte Pflänzchen, reckten sich höher und höher und wurden bald zu weit ausladenden Bäumen mit glänzenden Blättern und goldenen Früchten. Selbst der Padischah von Indien besass wohl keinen so üppigen und grossen Garten. Mächtige Apfelbäume mit einer Rinde wie aus Bernstein wuchsen in grosser Zahl. Zwischen den schlangen Stämmen schimmerte das Grün fruchtbarer Weingärten. Er sah Aprikosenhaine, lichte Wiesen mit dichtem Gras und bunten Blumen. Kühle Wasser flossen in mit Edelsteinen ausgelegten Gräben. In den Zweigen schwirrten und zwitscherten Vögel, so schön wie jener Vogel, der ihm im Traum erschienen war.

 

Verwundert schaute er sich um, er konnte kaum glauben, was er da so. So schrie er laut. Deutlich hörte er seine Stimme, die vielfach widerhallte. Der Garten war kein Trugbild, er verschwand nicht. Da eilte er vor Freude und Aufregung zur Jurte des Weisen.

 

Rasch verbreitete sich die Kunde von den Wundergarten durch die ganze Steppe. Als erste kamen die Reiter des Khans auf ihren schnellen Rossen zum Garten geritten. Doch kaum hatten sie den Rand des Gartens erreicht, da wuchs ein hohes Gitter mit einem Eisentor und sieben Schlössern vor ihnen auf. Sie stellten sich auf ihre geschnitzten Sättel und versuchten, über das Gitter nach den goldenen Äpfeln zu greifen. Doch jeder, der die Früchte berührte, sank tot zu Boden. Als die Reiter dies sahen, wendeten sie ihre Pferde und galoppierten davon.

 

Nun strömten von allen Seiten Arme zum Garten. Als sie sich näherten, fielen die Schlösser vom eisernen Tor. Es öffnete sich und liess sie ein. Der Garten füllte sich mit Männern, Frauen, Greisen und Kindern. Sie traten auf die leuchtenden Blumen, aber die Blumen welkten nicht; sie tranken klares Wasser aus den Gräben, aber das Wasser blieb rein; sie pflückten Früchte von den Bäumen und die Früchte wuchsen wieder nach. Den ganzen Tag hörte man im Garten die Kun der Dombra, buntes Stimmengewirr, lautes Lachen. Als es dunkel wurde, fiel auf alle ein milder Schein. Die Vögel sangen im Chor ein leises Lied. Da legten sich die Armel en die Bäume ins würzige Gras und schliefen zum ersten Mal in ihrem Leben zufrieden und glücklich ein.

 

Fassung: J. Wagner, nach H. Krizanovà, Der Zaubergarten. Kasachische Volksmärchen, Prag 1982


Was für eine wunderbare, vielschichtige, reiche Geschichte. Sie berührt mich sehr, wenn ich sie lese und regt mich zum Nachdenken an.

Von der Freundschaft der Männer, über die Lösungsvorschläge der Schüler der Weisen und schlussendlich der jüngste Schüler, der seinem Herzen folgt und dafür von den Vögeln belohnt wird.

 

Dieses Märchen eignet sich sicher dazu mit Kindern:

- Blumen zu pflanzen im eigenen Garten

- Blumenmurmeln herzustellen und zu verschenken

- Ev. Nistkästen oder andere Dinge für Vögel herzustellen / aufzustellen

- einen botanischen Garten zu besuchen

- eine Schatzsuche zu veranstalten und den Schatz dann zu teilen/spenden

 

 

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